1983 – Wie Karl Lagerfeld zu Chanel kam

 

Im Herbst 1982 war – heute unvorstellbar – das Geld knapp bei Chanel. Nach dem Tod der Gründerin Coco Chanel 1971 hatte die letzte Modenschau noch tausende Zuschauer angelockt und der französische Staatspräsident und Madame Pompidou hatten das Defilee posthum für Coco beendet. Die Assistenten von Chanel, Philippe Cazaubon und Yvonne Dudel, machten in den nächsten Jahren im Sinne von Chanel Haute-Couture-Kollektionen für die Stammkundinnen. Die Klientel wurde allerdings immer älter und das Haus geriet allmählich in Vergessenheit. Währenddessen machten alle anderen Modeschöpfer Prêt-à-Porter-Kollektionen, inspiriert durch Yves Saint Laurents Rive Gauche-Idee 1966. Die Szene beherrschten vor allem die Labels, die nur fertige Boutique-Mode machten wie Chloé, Sonia Rykiel, Beretta & Co.

 

Karl Lagerfeld brachte sein Chloé-Parfum und die Chloé-Kollektionen heraus. Allein das Parfum machte umgerechnet über 50 Millionen Euro Umsatz im ersten Jahr. Zaghafte Versuche, eine kleine Boutique-Kollektion für Chanel zu starten, begannen die Gebrüder Alain und Pierre Wertheimer 1978, nachdem sie 1974 das Haus Chanel von ihrem Vater übernommen hatten. Als Designer engagierten sie Philippe Guibourge. Aber ehrlich gesagt, abgesehen vom Stammhaus in der Rue Cambon und dem berühmten Parfum No. 5 war von dem einstigen Weltflair nicht mehr viel übrig.

 

Ich kann mich noch an meinen ersten Besuch in der Rue Cambon erinnern – vor dem Engagement von Karl Lagerfeld. Mit dem heute weltumspannenden Imperium, das über die größte Kapitaldecke aller Modehäuser verfügt, hatte es wenig zu tun. Die Wertheimers überlegten sich, wenn die Chanel Parfums und die Kosmetik weiter stark am Markt sein sollten – und das war bitter nötig, weil sie die Haupteinnahmen des Hauses darstellten – musste etwas unternommen werden, das als Aushängeschild dafür dienen konnte.

 

Was war also zu tun? Einflussreich in der Führungsebene bei Chanel war damals Guy Douvier. Er hatte schon 1955 Mademoiselle Coco beraten und, wie das Leben so spielt, war 1969 als Nachfolger von Karl Lagerfeld bei Tiziano-Rome eingestiegen. Tiziano machte Prêt-à-Porter und war besonders erfolgreich in Amerika, wo sie zu den Favoriten von Elizabeth Taylor gehörte. Karl hatte 1969 Guy Douvier empfohlen, weil er durch die Arbeit für Fendi und Chloé keine Kapazität hatte. Das hatte Guy ihm nicht vergessen.

 

Also brachte er bei den Wertheimers Karl ins Spiel. Diese waren zunächst ablehnend eingestellt, weil Karl ja damals schon eher berühmt für luxuriöses Prêt-à-Porter und jüngere Mode war als für das damals aussterbende und verstaubte Haute-Couture-Gewerbe. Trotzdem wurde er engagiert, was zu einem Tumult führte. Die Vogue schrieb damals: "…kann man so etwas einem Konfektionsdesigner anvertrauen..?"

 

Laut Karl umfasst der Vertrag mit Chanel nur eine Seite und er hat sich verbürgen lassen, dass er machen kann, was er will. Es war die schlauste Entscheidung, die die Wertheimers je getroffen haben – das wissen wir heute. „Sie können machen was sie wollen, wenn es kein Erfolg wird, verkaufen wir“, so ein Zitat der Inhaber aus der Zeit.

 

Am 5. Februar 1983, die „5“ wegen des Parfums, präsentierte Lagerfeld seine Frühjahr/ Sommer Haute Couture für Chanel in der Rue Cambon. Lagerfelds Freund, Jaques de Bascher, Antonio Lopez, Anna Piaggi – alle waren da und die Kollektion wurde mit großer Spannung erwartet. Ein junges Mädchen, was überhaupt nicht dem Typ des landläufigen Models Anfang der 1980er Jahre entsprach, lief in der Show mit: Inès de la Fressange. Sie faszinierte sofort. Die Kollektion griff alle Erfolge von Chanel auf: das Kostüm, die Spitzenkleider und die vielfältigen Tweeds, garniert mit Kaskaden von Modeschmuck. Lagerfeld hatte seine Prüfung bestanden.

 

Im Verlauf der nächsten zwei Jahre und in den Prêt-à-Porter-Kollektionen wurde Karl wesentlich mutiger und persiflierte die Wurzeln des Hauses immer mehr. Chanel wurde langsam aber sicher wieder das einflussreichste Modehaus der Welt und erlebte einen ungeheuren Boom. Heute munkelt man von 10 Milliarden Umsatz im Jahr. Die Firma ist immer noch in Privathand und die Marke eine der bekanntesten der Welt. Die Geschichte des Markenrevivals diente als Vorbild für Gucci, als man 1990 Tom Ford engagierte. An der Geschäftspolitik von Chanel orientieren sich unzählige Unternehmen. Es ist die Erfolgsgeschichte der Mode schlechthin.

 

Karl ist jetzt 85 Jahre alt. Wenn er so lange wie Mademoiselle arbeitet – sie starb mit 87 Jahren über ihrer letzten Kollektion – haben wir noch viele Überraschungen zu erwarten.

 

Peter Kempe

© Museum Schloss Fürstenberg 2018